Fördertürme und Fördergerüste: stumme Zeugen einer imposanten Epoche

Zur Erstellung dieser Seite wurden folgende Quellen benutzt:

- Hermann, Wilhelm und Gertrude: Die alten Zechen an der Ruhr, Königstein im Taunus 1994

- Huske, Joachim: Die Steinkohlenzechen im Ruhrrevier, Bochum 1998

 

Wer sich in der heutigen Zeit durch das Ruhrrevier bewegt, sei es zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch mit dem Auto, der wird manchmal vergeblich nach Ihnen Ausschau halten: die Fördertürme, oder wie der Fachmann sagt, die Fördergerüste. In den klassischen Bergbaurevieren um Essen, Bochum, Dortmund und anderen Städten des Gebietes an der Ruhr sind sie schon längst, manchmal vorschnell, den Abrisskommandos zum Opfer gefallen und dort, abgesehen von einigen Industriedenkmälern, für immer verschwunden. Nur in den nördlichsten Regionen, im Gebiet an und nördlich der Lippe kann man sie noch vereinzelt in Aktion sehen. 

Das Bild von Thomson-Böcken, deutschen Strebengerüsten oder Doppelböcken hat sich mehr als 100 Jahre lang gehalten, oft weit sichtbar, als wären sie Wegweiser in einer einzigen, riesigen Stadt. Zum Glück für die nachfolgenden Generationen konnten einige Gerüste vor dem Abbruch gerettet und unter Denkmalschutz gestellt werden. So steht in Gelsenkirchen-Bismarck auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage "Consolidation 3/4/9" das noch einzig erhaltene Strebengerüst in Doppelbock-Bauweise. Stellvertretend für die einst so zahlreichen deutschen Strebengerüste sei das Gerüst über Schacht  "Friedrich Thyssen 6" in Duisburg-Hamborn genannt. Diese Gerüstart war der Klassiker schlechthin im Ruhrrevier, weil es sich bewährte und dem entsprechend oft gebaut wurde. Es fehlte fast auf keiner Zeche und stellte somit alle anderen Gerüste zahlenmäßig in den Schatten. Ein Gerüstmodell mit moderneren Zügen findet sich über dem einstigen "Konrad-Ende-Schacht" der ehemaligen Zeche "Recklinghausen", während die Generation der richtigen Fördertürme, also Türme, die meist aus Beton bestanden, durch den Turm auf der ehemaligen Schachtanlage "Königsborn 3/4" vertreten ist. Ein absolutes Novum stellt der Hammerkopfturm der ehemaligen Zeche "Minister Stein" in Dortmund-Eving dar. Diese Gerüstart hat sich vermutlich aus statischen Gründen nicht durchsetzen können und war dem entsprechend selten. Umso wichtiger war es derzeit, dieses Relikt nach Stillegung der Zeche vor dem drohenden Ende zu bewahren.

Bevor nun jedoch an dieser Stelle auf die einzelnen Gerüstarten eingegangen wird, möchte ich mit Ihnen in die Zeit zurückreisen, in der die oberflächennahen Kohlelagerstätten des südlichen Ruhrgebietes erschlossen und zum Teil auch schon abgebaut waren. Diese waren zuerst im Pingenbau und dann recht früh schon mit waagerecht in den Berg getriebenen Stollen aufgeschlossen worden. Als es zu Anfang des 19.Jahrhunderst gelang, die Dampfmaschine, die zu der Zeit ja noch recht jung war, für das Heben der Grubenwässer einzusetzen, begann der Drang in die tieferen Gefilde des Steinkohlengebirges. Der erste senkrechte Tiefbauschacht mit einer Teufe von 46 Metern wurde 1808 auf der Zeche "Vollmond" in Langendreer niedergebracht. Aber erst dem Ruhrpionier FRANZ HANIEL gelang es in der 30er Jahren des 19.Jahrhunderts, den ersten "echten" Tiefbauschacht abzuteufen. So war der Weg frei geworden, um auch die tiefer liegenden Flöze aufzuschließen und den Bergbau in die nördlicher gelegenen Regionen des Ruhrreviers zu bringen. Mit zunehmender Teufe wurden jedoch auch die Probleme bei der Förderung größer. Die einst üblichen Göpel- und Haspelschächte reichten da schon lange nicht mehr aus. Als um 1850 herum eine neue Schachtanlage nach der anderen aus dem Boden gestampft wurde, hatte sich bereits ein steinernes Ungetüm, der so genannte "Malakoffturm", für die Förderung durchgesetzt. Diese gemauerten Türme mit Wanddicken bis hin zu 2,5 Metern waren im Aussehen anfangs noch recht schlicht. Im Laufe der Jahre jedoch wurden sie architektonisch mit Zinnen wie bei einer Burg oder auch mit wuchtigen Eckpfeilern versehen, so dass teilweise Türme mit monumentalem Antlitz entstanden. Auch von diesen Zeitzeugen sind bis heute einige wenige erhalten geblieben, so auf den ehemaligen Zechen "Carl", "Alte Haase", "Westhausen" und "Hannover", um nur einige zu nennen. Die herbe Ausstrahlung, die von diesen Türmen ausgeht, ist es, die mich dazu bewegt hat, nachfolgend eine kleine Galerie, stellvertretend für alle Malakofftürme des Ruhrreviers, aufzustellen.

 

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  Der unaufhörliche und rasant fortschreitende Drang in die Tiefe brachte die Malakofftürme bald an die Grenze Ihrer Leistungsfähigkeit. Immer größere und stabilere mussten gebaut werden. Zum Vergleich: während der Malakoffturm der Zeche "Carl" von 1859 noch eine Höhe von ungefähr 25 Metern hatte, war der knapp 20 Jahre später erbaute Turm auf der Zeche "Fürst Hardenberg" schon 33,5 Meter hoch. So war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, als ab ca. 1870 die stählernen Fördergerüste ihren Siegeszug aufnahmen und den Malakoffturm mehr und mehr verdrängten. Als letzter dieser steinernen Vertreter einer stürmischen Epoche wurde im Jahre 1896 der Malakoffturm der Zeche "Alte Haase" in Betrieb genommen. Bis dahin und auch noch im Nachhinein wurden den Türmen oftmals zusätzliche Gerüste aufgesetzt, um den Anforderungen einer Förderung aus rasch zunehmender Teufe gerecht zu werden. Einige Malakofftürme wurden gleich ganz durch stählerne Fördergerüste ersetzt und wurden folglich abgebrochen. Hauptsächlich in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als viele Schachtanlagen auf Grund der herrschenden Weltwirtschaftskrise modernisiert und somit leistungsfähiger gemacht wurden, verschwanden etliche dieser schönen Gebilde, von denen heute glücklicherweise einige unter Denkmalschutz stehen und somit ein Stück Ruhrgebietsgeschichte vermitteln können.

Das erste eiserne Fördergerüst, ein so genanntes Pyramidengerüst wurde im Jahre 1869 auf der Zeche "Julia" in Herne-Baukau errichtet. Darauf hin folgten dann die ersten englischen Fördergerüste, die weithin als Thomson-Böcke bekannt wurden. Es waren imposante Erscheinungen, diese stählernen Riesen, die von der britischen Insel ins Ruhrrevier entführt wurden. In den ersten Jahren verbreiteten sie sich hauptsächlich im östlichen und südöstlichen Ruhrgebiet. So standen Vertreter dieser Gerüstart auf den Zechen "Vollmond", "Heinrich Gustav", "Gneisenau" und "Neu-Iserlohn". Ein besonders imposantes Gebilde ergab sich, wenn zwei Gerüste sich gegenüber gestellt und oftmals mit einer Schachthalle verbunden wurden, so dass es so aussah, als würden sie sich bei der Arbeit anschauen und friedlich miteinander plaudern. Solche eindrucksvollen Ensembles waren auf den Zechen "Courl", "Preussen" oder auch "Scharnhorst" zu bewundern. Die wohl westlichste Verbreitung fand diese Gerüstart in Essen und Gelsenkirchen. So standen zwei Thomson-Böcke in friedlicher Eintracht nebeneinander auf der Schachtanlage "Hugo 1/4" in Gelsenkirchen-Buer. Außerdem fand sich eines dieser Gerüste auch auf der Zeche "Carl Funke" in Essen-Heisingen. In Oberhausen, Mülheim, Duisburg und westlich des Rheins suchte man sie allerdings vergeblich.

Hier, wie auch sonst überall im Ruhrrevier setzte sich ab dem Jahre 1870 das so genannte deutsche Strebengerüst durch, was, wie Gertrude und Wilhelm Hermann in ihrem Buch beschreiben, eine konsequente Weiterentwicklung des englischen Fördergerüstes darstellte und diesem durch seine statischen Fähigkeiten wohl überlegen war. Vielleicht war es auch kostengünstiger, was sich allerdings hier und an dieser Stelle nicht klären lässt. Jedenfalls verbreitete es sich relativ rasch über das gesamte Ruhrgebiet. Das Aussehen war gegenüber dem Thomson-Bock relativ schlicht. Dem eigentlichen Gerüst wurde immer wieder ein manchmal im Aussehen variierender Gerüstkopf aufgesetzt, der mit einem gebogenem Blechdach versehen war, um die darunter liegenden Seilscheiben zu schützen. Diese waren in den ersten Jahren zunächst nebeneinander angeordnet, bis in den Jahren 1877/78 im Malakoffturm  des Schachtes 2 der Bochumer Zeche "Hannover" eine so genannte "Koepe"-Förderung mit untereinander liegenden Seilscheiben installiert und in Betrieb genommen werden konnte. Nachfolgend gelang es, dieses System auch bei den Fördergerüsten zu übernehmen, so dass eine Anzahl "zweistöckiger" Gerüste entstand. Im Jahre 1896 wurde als eines der ersten seiner Bauart ein Doppelstrebengerüst über Schacht "Zollverein 6" errichtet, was eine Abwandlung vom deutschen Strebengerüst darstellte. Bildlich sahen diese Ungetüme so aus, als wären zwei deutsche Strebengerüste an der schmalen Vorderseite miteinander verbunden worden. Auch hier gab es, wie beim "kleinen Bruder" auch, eine zweistöckige Ausführung, wie sie heute noch auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage "Consolidation 3/4/9" in Gelsenkirchen-Bismarck am Beispiel von Schacht 9 bestaunt werden kann.

Wie bereits angesprochen, wurden die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts durch die damals herrschende Weltwirtschaftskrise überschattet. Hinzu kam die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland, die für eine stetig steigende Produktion in der Rüstungsindustrie eben auch mehr Stahl und somit auch mehr Kohle benötigten. Beide Faktoren trugen mehr oder weniger ihren Anteil dazu bei, dass viele Schachtanlagen ihr Gesicht veränderten, in dem sie umgebaut und damit leistungsfähiger und so ökonomisch effizienter wurden. Während dieser Zeit ging man dazu über, das klassische deutsche Strebengerüst derart zu verändern, in dem man die Schrägstützen und andere relevante Teile nicht mehr in der herkömmlichen Strebenbauart herstellte, sondern durch die so genannte Vollwandbauweise ersetzte. Massige Stahlträger traten somit an die Stelle der filigranen Strebenteile, was das Aussehen der Gerüste wuchtiger, aber auch unkomplizierter erscheinen ließ. Auch das alte Doppelstrebengerüst wurde von dieser Entwicklung förmlich überfahren. Als Konsequenz aus diesem Trend entstand somit das imposante Doppelbockfördergerüst, dessen wohl bekanntester Vertreter über Schacht "Zollverein 12" steht. Weitere standen beispielsweise auf den Zechen "Pluto", "Pattberg", "Graf Bismarck" und "Germania". Letzteres wurde nach Stillegung der Zeche im Jahre 1971 demontiert und am Deutschen Bergbaumuseum wieder aufgebaut. Da man es begehen kann, hat man in luftiger Höhe und bei gutem Wetter einen wunderschönen Blick fast über das ganze Revier.

Im Jahre 1926 begann die Zeit der "echten" Fördertürme. In diesem Jahr ging auf der Dortmunder Zeche "Minister Stein" ein so genannter Hammerkopfturm in Betrieb. Einer der relevantesten Unterschiede gegenüber herkömmlichen Fördergerüsten bestand darin, dass die Fördermaschine, die ja das Seil und damit den Förderkorb antrieb, im Turm selber und nicht wie bisher in einem extra hergerichteten Fördermaschinengebäude, das meist hinter dem Gerüst stand, aufgestellt war. Ein weiterer Turm dieser Bauart ging gegen Ende der 20er Jahre auf der gleichen Schachtanlage in Betrieb. Jedoch konnte sich diese Bauart wohl aus statischen Gründen nicht behaupten. Diese bullig wirkenden Türme gelten jedoch hinlänglich als die Väter der Turmgeneration, die danach folgte. Besonders nach dem 2.Weltkrieg, speziell in den 50er und 60er Jahren entstanden eine Reihe von Betonfördertürmen von unterschiedlichster Form und Bauart.

Über Geschmäcker kann man bekanntlich stundenlang und mit wachsender Begeisterung streiten. Somit kann es eigentlich egal sein, ob man diese Türme und Gerüste als interessant einstuft oder auch nicht. Man kann auch die eine Art der anderen aus den verschiedensten Gründen vorziehen und so dieser etwas mehr abringen. Letztendlich jedoch sind sie alle, die Malakofftürme, die Fördergerüste und die Fördertürme, die letzten Relikte einer einst imposanten Epoche. Es sollte uns allen etwas daran liegen, diese stummen Zeitzeugen, die ihre Existenz bis in unsere Zeit hinein nicht zuletzt durch den Einsatz ehrenamtlich tätiger und an ihrer eigenen Geschichte interessierter Menschen bewahren konnten, zu hegen, zu pflegen und für nachfolgende Generationen zu erhalten. Denn eines sicher: ein Fördergerüst ist schnell abgebrochen, ein Förderturm noch schneller gesprengt, die Erinnerungen und die Geschichte jedoch bleiben. Es wäre jammerschade, wenn nichts mehr da wäre, was man bildlich damit in Verbindung bringen könnte.

In diesem Sinne Glück auf!

Heinrich Ströver