Das "Sahnestück" - ein echtes Highlight im Leben eines Sammlers

 

Die Anfänge meiner Sammeltätigkeit gehen in das Jahr 1997 zurück, also in das Jahr, in dem die Bergleute an der Ruhr und an der Saar wieder einmal auf die Straße mußten, um für den Erhalt der deutschen Steinkohleindustrie und somit für den Erhalt ihrer eigenen beruflichen Zukunft zu demonstrieren. Das Ergebnis der damals sehr schwierigen Verhandlungen zwischen Industrie, Arbeitnehmervertretern und den damaligen Regierungen von Bund und Land hat mir damals, wenn auch nach einer längeren Phase des Begreifens dessen, was da auf die Kumpel und den Regionen zukommen wird, vor Augen gehalten, daß das langsame Sterben des Bergbaus auf Kohle, das in den Jahren um 1960 herum eingeläutet wurde, in absehbarer Zukunft mit der Schließung der letzten Zechen enden würde, was sich dann nach den Verhandlungen von 2006/2007 dann auch bestätigte.

Ein ehemaliger Steiger aus Duisburg, der selber auch Zechen-AK´s sammelte, führte mich damals an dieses hochinteressante Gebiet heran, nachdem ich mich vorher mit mehr oder minder großem Erfolg mit dem Herantragen von Fotos und anderem Bildmaterial versucht hatte. Mein Glück war es, daß ich gleich an einen versierten und professionellen Händler geraten bin, dem ich den Aufbau des Grundstockes meiner heutigen Sammlung verdanke. Natürlich ging es mir so, wie den meisten Sammlern auf der Welt: die ersten Motive waren die, die auf dem Markt am häufigsten vorkommen. In meinem speziellen Fall waren es die Karten aus der Zeit der französischen und belgischen Besatzung des Ruhrgebietes. Diese Karten waren oftmals sehr bunt und entstammten Postkartenheftchen oder Leporellos. Solche Objekte sind von den Soldaten zu Hunderten verschickt worden und bis heute in großer Zahl aus Frankreich und Belgien re-importiert worden. Zur Veranschaulichung habe ich eine kleine Galerie der so genannten "Franzosenkarten" zusammengestellt.

 

 

Zeche Adolf von Hansemann, Mengede

um 1923, Hermann Lorch, Dortmund

 

Zeche Concordia, Oberhauen

um 1920, Verlag unbekannt

 

Zeche Erin, Castrop

1923, Gebr. Moonen, Essen

 

 

Zeche Friedrich der Große, Herne

um 1923, Hermann Lorch, Dortmund

 

Zeche General Blumenthal, Recklinghausen

um 1923, Cramers Kunstanstalt, Dortmund

 

Zeche Graf Schwerin, Schwerin

1923, Hermann Lorch, Dortmund

 

 

Zeche Unser Fritz, Wanne

1923, I.W.B

 

Zeche Mont Cenis, Sodingen

um 1923, Cramers Kunstanstalt, Dortmund

 

Zeche Prosper, Bottrop

um 1925, I.W.B.

 

 

Zeche Ver. Rheinelbe, Ückendorf

um 1923, Verlag unbekannt

 

Zeche Tremonia, Dortmund

1924, Hermann Lorch, Dortmund

 

Zeche Wolfsbank, Borbeck

um 1923, Verlag unbekannt

 

  Im Lauf der Jahre gerieten mir dann auch die selteneren Karten in die Finger, nachdem ich regelmäßig AK-Börsen und Auktionen besucht hatte. Ich nahm mir von Anbeginn meiner Sammeltätigkeit an vor, keine Mehrbildkarten oder Lithographien zu sammeln, da die Zechenmotive auf diese Art von Ansichtskarten oftmals sehr klein sind und für meine Webseite, die ich seit 1999 betreibe, kaum zu gebrauchen sind. Mir machte es eben auch keinen großen Spaß, mit einer Lupe die Schachtanlagen zu betrachten, also beschränkte ich mich auf das Zusammentragen von "Vollbildkarten". Eine Lithographie legte ich mir nur in die Sammlung, wenn ich davon ausgehen konnte, daß die Aussicht auf eine Karte mit Vollbildcharakter gering war. Wie es der Zufall wollte, lag dann an einem Tag des Jahres 2003 die Karte vor mir auf dem Schreibtisch, die ich heute getrost als ein "Sahnestück" meiner Sammlung betrachten kann, und es war ausgerechnet folgende, im Jahr 1901 gelaufene Lithographie:

 

 

All denjenigen Besuchern meiner Webseite, die sich  mit der Materie nicht so auskennen, möchte ich nachfolgend das Besondere dieser Karte vor Augen halten. Die Ortschaft Schuir liegt am südlichen Rand des Ruhrreviers und ist heute ein Stadtteil von Essen. Der versierte Sammler erkennt gleich, daß die Karte als Heimatbeleg ein Leckerbissen ist, denn alleine schon die Schankwirtschaft links unten macht die Karte zu einem begehrten Objekt. Aber das sei nur nebenbei bemerkt, denn mein persönliches Augenmerk richtet sich natürlich auf die zweite Abbildung, die lediglich nur mit "Zeche" und ohne weitere Bezeichnung tituliert wird. Normalerweise lege ich mir keinen Beleg in die Sammlung, der nicht genau bezeichnet ist, da er so keinen Nutzen für mich hat, aber zum Glück gibt es das Lebenswerk von Joachim Huske, der in seinem großartigen Buch "Die Steinkohlenzechen im Ruhrevier" tausende (!) Betriebe beschreibt. Mit Hilfe dieser "Zechenbibel" gelang es mir, die Identität der abgebildeten Zeche ausfindig zu machen. Nachfolgend eine Detailansicht der Abbildung:

 

 

Wie man erkennen kann, handelt es sich bei der Zeche um einen sehr kleinen Betrieb mit einem Tiefbauschacht. Über dem Schacht steht ein hölzernes Gerüst, wobei es sich dabei durchaus um das Abteufgerüst handeln könnte. Zu dem Gerüst gesellen sich einige wenige Tagesgebäude, wie das Fördermaschinenhaus und das Kesselhaus ganz rechts. Wie schon erwähnt, ist die Ansichtskarte im Jahre 1901 abgestempelt und es stellt sich jetzt die Frage, welche Zeche im vom Bergbau wenig berührten Ort Schuir um 1900 in Betrieb gewesen ist. Das Buch von J. Huske (Seite 414) gibt in diesem verzwickten Fall eine eindeutige Antwort. Bei der geheimnisvollen Schachtanlage handelt es sich um die Zeche "Grünewald". Die Erwähnung eines gleichnamigen Stollenbetriebes ist schon für das Jahr 1839 verbürgt, allerdings fehlen nachfolgend weitere Daten, so daß davon ausgegangen werden darf, daß es sich dabei um eine bescheidene Unternehmung gehandelt hat und irgendwann aufgegeben wurde. Die Anfänge des eigentlichen Betriebes sind auf das Jahr 1896 datiert, der sich vorerst erneut nur auf einen Stollen beschränkte. Mit dem Teufen eines Tiefbauschachtes wurde 1899 begonnen, doch schon ein Jahr später im Jahre 1900 wurden die Teufarbeiten bei einer Teufe von 103m eingestellt. Anschließende Vorrichtungsarbeiten verliefen enttäuschend, da kein bauwürdiges Kohleflöz aufgefunden wurde. Zudem kam der Betreiber der Schachtanlage in Geldnot, so daß der Betrieb kurz vor Mitte des Jahres 1900 eingestellt und aufgegeben wurde. Da zu dieser Zeit kein weiterer Tiefbaubetrieb in Schuir in Betrieb war, kann also die Annahme, daß es sich bei dem oben abgebildeten Grubenbetrieb tatsächlich um die Zeche "Grünewald" handelt, als richtig bestätigt werden. Das Besondere an der besagten Ansichtskarte ist die Tatsache, daß sie eine Zeche zeigt, die definitiv nur vier Jahre in Betrieb war und die nie ernsthaft über einen Versuchsabbau hinaus gekommen ist. Vom historischen Gesichtspunkt gesehen handelt es sich also bei der vorliegenden Karte um ein sehr wertvolles Objekt.

Dem Sammler begegnen im Laufe seiner Sammeltätigkeit viele interessante Objekte, aber ein "Sahnestück" bekommt man in der Regel nur sehr selten. Ich habe eines gefunden und wünsche allen Kollegen, daß sie es mir nachtun.

Glück auf und viel Glück beim Stöbern...

Heinrich Ströver   

Details zur Zeche "Grünewald" finden Sie hier: Zeche Grünewald